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Interview mit CMO Andreas Rüsseler: Innovation – eine Frage des Kundennutzens

Interview mit CMO Andreas Rüsseler:  Innovation –  eine Frage des Kundennutzens
September 08
15:50 2017

Seit mehr als 50 Jahren bringt der Schweizer Verkabelungsspezialist R&M kontinuierlich Innovationen hervor. Im Interview erklärt CMO Andreas Rüsseler, wie R&M ständig auf neue Ideen kommt und warum auch die Verkabelungsbranche mit Beginn der Ära der Digitalisierung vor nie gekannten Herausforderungen steht.

Frage: Herr Rüsseler, R&M bringt nahezu jedes Jahr ein oder zwei bemerkenswerte Innovationen bzw. neue Produkte mit überraschenden Neuentwicklungen auf den Markt. Zuletzt waren das: Das Kat. 6A EL Modul mit verblüffend einfacher Konfektionierung. Das Rangiersystem Netscale, das neue Massstäbe bei Port-Verdichtung und Handling setzt, und dazu der Glasfaserstecker LC QuickRelease, den man überraschenderweise hinten anfassen darf. Dann die SYNO Gel-Haubenmuffe mit variablen Kabeleinführungen wie aus dem Spielzeug-Baukasten. Kürzlich die Polaris-box 6, mit der sich Fiber to the Home in jedem Gebäude scheinbar in Rekordzeit umsetzen lässt – egal wie feucht oder staubig es am Gebäudeeintrittspunkt ist. Kann man in der Welt der Connectivity immer noch so viel Neues erfinden?

Andreas Rüsseler: Es gibt in der Tat immer noch Neues zu entdecken. Besser gesagt: Wir gehen bei der passiven Netzwerktechnik immer weiter heran an die Grenze des physikalisch Machbaren. Da ist durchaus noch Raum für Innovationen. Unser R&D-Team arbeitet fleissig daran, diesen Raum zu erforschen und sinnvoll zu nutzen. Es hat auch einen gewissen Reiz, am Leading Edge zu arbeiten. Alles andere wäre langweilig.

Sie erwähnen eine Reihe von entscheidenden Neuentwicklungen. Damit haben wir den Markt ziemlich überrascht. Darauf sind wir stolz. Wir investieren 5% des Umsatzes in Forschung und Entwicklung und arbeiten nach der Lean-Methode: Mit optimalem Einsatz soll möglichst zügig ein maximaler Nutzen erzielt werden.

Frage: Woher kommen die spannenden Ideen? Wer hat soviel Phantasie und Kreativität?

Andreas Rüsseler: Wir fragen unsere Kunden jeden Tag, was wir besser machen können. Wir lernen von ihnen. Im Dialog entstehen Ideen für Produktverbesserungen, Anpassungen, Neuentwicklungen und komplette Innovationen. Sie glauben gar nicht, wie kreativ unsere Kunden sind und wie sehr sie uns herausfordern. Der Markt ist die beste Quelle für Inspiration.

Trotzdem überlassen wir nichts dem Zufall. R&M hat einen ganzheitlichen Prozess etabliert, der uns zu einem Smart Innovator in der Connectivity macht. Der Innovationsprozess umfasst Scouting und Screening mittels Markt- und Technologieradar, Ideenentwicklung, Evaluation und Machbarkeitsanalysen, Konzeption und Prototyping sowie schliesslich die Realisierung und Implementation in den Markt. Schlüsselkunden werden so früh wie möglich in die Konstruktion von Prototypen und Tests eingebunden. Zwei erfolgreiche Beispiele: Netscale musste in den Edge-Rechenzentren namhafter Kunden wie Cloud & Heat seine Praxistauglichkeit unter Beweis stellen. Führende europäische Telekomunternehmen wurden gezielt konsultiert und eingeladen, unsere SYNO Muffe auf Herz und Nieren zu prüfen und zu zertifizieren.

Darüber hinaus nutzt R&M ein erweitertes Innovations-Netzwerk, um Entwicklungsvorhaben breit abzustützen. Dazu zählen interdisziplinäre Spezialisten-Teams aus dem eigenen Haus genauso wie externe Partner und Netzwerke, Universitäten und Forschungseinrichtungen, Zulieferer und andere Industrieunternehmen, die Start-up-Szene sowie ausgewählte Inkubatoren und Branchenexperten.

Frage: Entsteht in diesem Prozess immer ein ideales Ergebnis? Oder machen Sie Kompromisse?

Andreas Rüsseler: Wir wägen ab zwischen Kosten, Nutzen, Mehrwert, Markt- und Kundenbedürfnissen, erfolgversprechenden Trends, Wachstums- und Umsatzzielen, Unternehmenswerten und Nachhaltigkeit. Selbstverständlich wollen wir bei definierten Technologien ein Vorreiter sein. Das heisst, wir riskieren auch mal etwas.

Absolut keine Kompromisse gibt es bei der Qualität. R&M bleibt der Qualitätsführer in der Verkabelungstechnik. Unser Qualitätsmanagementsystem reicht vom ersten Entwicklungsschritt eines Produkts bis zur Installation und Inbetriebnahme eines Netzwerks beim Kunden. Fazit: Für unsere Kunden entsteht auf jeden Fall ein ideales Ergebnis.

Frage: Innovation bedeutet letztlich, dass Kunden immer wieder neu investieren sollten, um up to date zu bleiben. Normalerweise bleibt eine Verkabelung jahrzehntelang in der Wand bzw. im Boden. Erwarten Sie von Ihren Kunden, dass sie den Lifecycle passiver Infrastrukturen verkürzen?

Andreas Rüsseler: Diese Frage sollte differenzierter betrachtet werden. Es ist richtig, dass Verkabelungsinfrastrukturen traditionell einen längeren Lifecycle haben als Computer und sonstige Aktivgeräte. Das gilt vor allem für die Wide Ara und Access Networks der Carrier und die strukturierte Verkabelung in Gebäuden. In Data Center muss die Verkabelung bereits kurzfristiger angepasst oder erneuert werden.

In jedem Segment planen wir weit vorausschauend. Wir fragen uns stets, wie die Welt in 15 oder 20 Jahren aussehen wird. Beispielsweise hat R&M schon vor mehr als zehn Jahren Verkabelungslösungen und Szenarien für Smart Homes auf den Tisch gelegt. Der Boom der Smart Homes beginnt erst jetzt.

Wichtig zu wissen ist, dass wir uns heute am Beginn einer neuen Ära bewegen.

Die Digitale Transformation, das Internet of Things, Smart City, Cloud-Computing, Virtual Reality, Video-Streaming und der Megatrend der mobilen Kommunikation stellen nie zuvor gekannte Anforderungen an die Netzwerke. Sei es draussen oder in Gebäuden. Jeder dieser Trends erfordert mehr Vernetzung. Kein Marktteilnehmer kann davor die Augen verschliessen.

Diese Entwicklung hat dramatische Auswirkungen auch auf die Verkabelung. Die Welt erlebt gerade eine Metamorphose zu allgegenwärtigen Netzwerk-Zugängen. Diese müssen sich laufend erweitern und an neue Anwendungen anpassen lassen. Mit anderen Worten: Der Lifecycle der Verkabelung verkürzt sich ganz natürlich.

Frage: Wird das nicht zu teuer für die Anwender?

Andreas Rüsseler: Investitionen in Netzwerke müssen sich für Anwender rentieren. Das stellen wir überhaupt nicht infrage. Deshalb bringen wir Innovationen grundsätzlich nur dann auf den Markt, wenn sich für unsere Kunden ein klarer Mehrwert abzeichnet. Sie werden niemals erleben, dass R&M neuen Hypes gedankenlos hinterherläuft oder den Markt wahllos mit Billig-Produkten und einer unüberschaubaren Variantenzahl vollpumpt. Unser Anspruch ist, immer einen spürbaren und nachhaltigen Mehrwert zu bieten.

Ein gutes Beispiel ist das RJ45-Anschlussmodul Kat. 6A EL. Es enthält die – bisher – leistungsfähigste Kupferanschlusstechnik aller Zeiten. Und trotzdem lässt es sich mit einem Handgriff beschalten. Installateure waren verblüfft, wie schnell sie damit einen Verteiler aufbauen.

Der Speed kommt allen zugute: Installateure bewältigen mehr Projekte in weniger Zeit. Kunden können ihr Netzwerk früher in Betrieb nehmen und sparen Geld dank kurzer Montagezeiten. Sie können ihre Netzwerke schneller, leichter und einfacher ändern lassen. Nebenbei: Trotzdem gewähren wir 25 Jahre Systemgarantie. So viel zum Thema Lifecycle.

Frage: Innovationen sind auch für Hersteller kostenintensiv. Rechnet es sich für R&M dennoch?


Andreas Rüsseler:
R&M wirtschaftet profitabel, wie Sie in unseren Geschäftsberichten und im Corporate Social Responsibility Report nachlesen können. Wir wollen nachhaltig und kontinuierlich wachsen – bei Umsatz, Ertrag und Anteil am Weltmarkt. Das gelingt uns sehr gut. Ein entscheidender Faktor dabei ist Innovation.

R&M ist seit der Gründung ein innovatives Unternehmen mit einem match-entscheidenden Focus auf Nachhaltigkeit.

Zwei Beispiele: Die Erfindung der Reichle-Telefonsteckdose trug in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts dazu bei, dass sich analoge Telefonanschlüsse zügig und massenhaft ausbreiten konnten. Das Kupfer-Verteilersystem VS Compact für Telefonnetze bieten wir seit Jahrzehnten an. In seiner heutigen, weiterentwickelten Form dient es als universelle Plattform für Breitband-Lösungen mittels Vectoring und Hybrid-Netzen. Das verschafft Carriern einen immensen strategischen Vorteil bei der Erschliessung grossflächiger Regionen.

Frage: Werfen Sie für unsere Leser einen Blick in die Zukunft. Welche R&M-Innovationen dürfen wir in nächster Zeit erwarten.

Andreas Rüsseler: Markt und Kundenbedürfnisse geben, wie gesagt, die Richtung vor. Netzwerke und Verkabelungsinfrastrukturen müssen noch schneller, kompakter, flexibler, robuster und leistungsfähiger werden. Die Capex-Opex-Relation muss für Kunden immer günstiger werden.

Mit unserer aktuellen Innovations-Offensive stossen wir sowohl bei der Kupfer- als auch bei der Glasfaserverkabelung – unseren Kernkompetenzen – frühzeitig in die nächste Dimension vor. In beiden Welten geht es darum, die Übertragungsleistung von Kabeln und Steckverbindungen zu vervierfachen.

Bei der strukturierten Kupferverkabelung heisst das Entwicklungsziel Kat. 8.1 mit 2000 MHz Übertragungsfrequenz für die Anwendung von 40 Gigabit Ethernet. Das ist mehr als Evolution. Kat. 8.1 ist ein Quantensprung. Der Standard ist definiert. R&M weiss, wie Kat. 8.1-Module gebaut sein müssen. Wir werden erneut Systeme mit unschlagbarer Performance realisieren. Aber wir produzieren erst, wenn sich ein spürbarer Mehrwert für Anwender abzeichnet.

Bei der Glasfaserverkabelung für Data Center heisst das nächste Entwicklungsziel 400 Gigabit Ethernet. Wir arbeiten unter anderem daran, die Lichtübertragung in paralleloptischen Steckverbindungen zu perfektionieren und höhere Modulationen sowie Kurzwellen-Multiplexing zu unterstützen. Ebenso steht weitere Verdichtung und Integration der optischen Connectivity auf der Agenda, die erhebliche Auswirkungen auf Netzwerkarchitekturen haben wird.

Schliesslich dreht sich vieles um Fiber to the Home und Internet of Things. Beide Trends verlangen kostengünstige, unkomplizierte, flexible, wartungsarme und massentaugliche Verkabelungs- und Anschlusstechnik. Auch daran arbeiten wir.

Noch ein letzter Punkt: Data Center werden künftig neuartige Management-Lösungen nachfragen, um dynamische, komplexe Infrastrukturen beherrschen zu können. Auf der Basis unserer Monitoring-Lösung R&MinteliPhy planen wir entsprechende Weiterentwicklungen, Services und Software-Angebote.

Frage: Software von einem Verkabelungshersteller?

Andreas Rüsseler: Sie haben richtig gehört. Wir können auch Software. R&M hat erkannt, dass Netzbetreiber künftig mehr brauchen als Stecker, Kabel und Verteiler. Sie müssen in die Lage versetzt werden, vollständige digitale Abbilder ihrer Netzwerke erzeugen zu können – eine Voraussetzung für das automatisierte Management der immer komplexeren Infrastrukturen.

Der Weg führt zu sogenannten Smart Networks. R&M entwickelt dafür Software-Lösungen und Services.

Automatisierung und Digitalisierung des Netzwerkmanagements sind ein absolutes Muss für die Zukunft. Sie werden die Digitale Transformation nicht meistern, wenn Sie Netzwerke immer noch manuell verwalten.

Sie sehen, der Katalog der Markt- und Kundenbedürfnisse wird nicht dünner. Und uns gehen die Ideen nicht aus.

Dank: Herr Rüsseler, vielen Dank für das Gespräch.

Zur Person

Der aus Deutschland stammende Andreas Rüsseler (50) verantwortet seit 2012 das Marketing bei R&M. Unter seiner Leitung hat R&M eine Reihe von Innnovationen erfolgreich in den Markt eingeführt. Zuvor war er Ingenieur und Marketingmanager bei Quante AG und 3M sowie in Managementfunktionen bei HUBER+SUHNER AG tätig. Andreas Rüsseler hat Nachrichtentechnik an der Fachhochschule Emden studiert und den MAS-Studiengang Business Administration and Engineering an der Universität St. Gallen absolviert.

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