Vietnam ist dank «China+1», Elektronikboom und dem im Juli 2026 abgeschlossenen EFTA-Freihandelsabkommen für Schweizer Unternehmen vom günstigen Zulieferland zum strategischen Produktions- und ASEAN-Brückenkopf geworden.Vietnam ist dank «China+1», Elektronikboom und dem im Juli 2026 abgeschlossenen EFTA-Freihandelsabkommen für Schweizer Unternehmen vom günstigen Zulieferland zum strategischen Produktions- und ASEAN-Brückenkopf geworden.

Zwischen «China+1», Elektronikboom und einem frisch ausgehandelten Freihandelsabkommen: Vietnam ist für die Schweizer Wirtschaft vom Nischenmarkt zum strategischen Standort geworden.

Ein Land im Dauerlauf

Die Zahlen aus Hanoi lesen sich derzeit wie aus einer anderen Zeit. 2025 wuchs Vietnams Wirtschaft um rund 8 Prozent – der höchste Wert in Südostasien und deutlich mehr als Indonesien, Thailand oder die Philippinen. Für 2026 hat sich die Regierung ein zweistelliges Wachstumsziel gesetzt; internationale Institutionen sind mit Prognosen zwischen knapp 7 und 8,5 Prozent zurückhaltender, aber die Richtung stimmt: Im ersten Quartal 2026 legte das BIP um 7,83 Prozent zu.

Getragen wird dieser Boom von zwei Motoren: Export und ausländische Direktinvestitionen. In den ersten sechs Monaten 2026 exportierte Vietnam Waren im Wert von rund 266 Milliarden US-Dollar, ein Plus von 21 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Neu registrierte Direktinvestitionen sprangen im gleichen Zeitraum um 61 Prozent auf 34,65 Milliarden Dollar – und rund 80 Prozent davon flossen in die verarbeitende Industrie.

Vietnam ist damit nicht mehr nur eine billige Werkbank. Es ist zur zentralen Ausweichadresse der globalen Lieferketten geworden.

«China+1» – aus der Notlösung wird Struktur

Der Auslöser liegt Jahre zurück. Mit den US-Zöllen auf chinesische Waren ab 2018 begannen multinationale Konzerne, ihre Produktion breiter aufzustellen. Aus dem Krisenmanagement der Pandemie wurde eine Doktrin: China+1 – nicht China verlassen, aber einen zweiten Standort aufbauen, der geografisch, politisch und zolltechnisch anders exponiert ist.

Vietnam gewann dieses Rennen aus mehreren Gründen: Lohnkosten deutlich unter chinesischem Niveau, eine junge Bevölkerung, politische Stabilität, eine lange Küste mit ausbaufähigen Häfen – und vor allem die geografische Nähe zu Südchina. Eine Fabrik in Bac Ninh oder Hai Phong lässt sich aus bestehenden chinesischen Zulieferernetzen beliefern, ohne dass die gesamte Wertschöpfungskette neu erfunden werden muss.

Genau das zeigt sich in den Investitionsdaten: Chinesische Unternehmen selbst gehören zu den grössten Investoren in Vietnam. Untersuchungen der US-Notenbank Fed zeichnen nach, wie chinesische Greenfield-Investitionen in vietnamesische Fertigung nach 2018 klar aus ihrem bisherigen Trend ausbrachen. Vietnams Aufstieg ist also nicht schlicht eine Verlagerung weg von China, sondern eine Neuverkabelung der asiatischen Produktion, in der China Vorprodukte liefert und Vietnam die letzte, zollrelevante Fertigungsstufe übernimmt.

Elektronik: das Herzstück

Am deutlichsten wird das in der Elektronik. Sie ist längst Vietnams wichtigste Exportkategorie: In den ersten sechs Monaten 2026 exportierte das Land Elektronik, Computer und Komponenten im Wert von über 71 Milliarden US-Dollar – ein Zuwachs von mehr als 49 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Rund 98 Prozent dieser Elektronikexporte stammen von Unternehmen mit ausländischer Beteiligung.

Die Namen sind bekannt: Samsung fertigt in Vietnam einen erheblichen Teil seiner weltweit verkauften Smartphones. Foxconn baut Notebooks, unter anderem MacBooks für den US-Markt; allein das Werk Fukang exportierte 2025 Elektronik im Wert von rund 8,6 Milliarden Dollar. Intel, LG und Dutzende Zulieferer sind ebenfalls vor Ort.

Gleichzeitig versucht Vietnam, in der Wertschöpfungskette aufzusteigen. Der IT-Konzern FPT baut in Yen Phong eine Anlage zum Testen und Verpacken von Halbleitern – die erste in vietnamesischer Hand –, der Staatskonzern Viettel hat im Hoa Lac Hi-Tech Park mit dem Bau einer eigenen Chipfabrik begonnen. Der Anspruch verschiebt sich von der Endmontage zum Technologiestandort.

Wo die Schweiz ins Spiel kommt

Für Schweizer Unternehmen ist Vietnam damit auf drei Ebenen relevant.

Erstens als Beschaffungsmarkt. Wer Elektronik, Komponenten, Textilien oder Schuhe einkauft, kauft heute mit hoher Wahrscheinlichkeit in Vietnam. Der Laufschuhhersteller On lässt dort seit Jahren produzieren und unterhält im Land auch Entwicklungskapazitäten. Für Industrie- und Konsumgüterfirmen bedeutet das: Vietnam ist kein exotischer Nebenschauplatz, sondern ein Knotenpunkt im eigenen Lieferantennetz – mit allen Risiken, die daran hängen.

Zweitens als Zuliefermarkt. Genau hier liegt die spiegelbildliche Chance. Wenn in Vietnam Elektronikwerke, Verpackungslinien und Halbleiter-Testanlagen entstehen, braucht es Präzisionsmaschinen, Automatisierungslösungen, Messtechnik und hochwertige Komponenten – klassische Schweizer Exportstärken. Switzerland Global Enterprise verweist genau auf diese Felder: Fertigung, Elektronik, Maschinenbau, Präzisionsinstrumente. Dazu kommt die Energiewende, in der Vietnam massiv investiert und Schweizer Technologie gefragt ist.

Drittens als Produktionsstandort. Rund hundert Schweizer Unternehmen sind in Vietnam aktiv und beschäftigen dort nach Angaben von economiesuisse über 17’000 Personen. Nestlé betreibt mehrere Fabriken und zählt zu den grössten europäischen Investoren im Land. Der Ostschweizer Technologiekonzern Bühler ist seit 1960 in Vietnam präsent und hat in der Provinz Long An ein Werk mit Engineering- und Servicezentrum für Reisverarbeitungstechnik eröffnet – ein gutes Beispiel dafür, dass Schweizer Präsenz in Vietnam selten reine Kostenverlagerung ist, sondern meist Marktnähe: produzieren, wo die Kunden sind.

Das bilaterale Handelsvolumen liegt bei etwa 2,5 Milliarden Franken. Damit ist Vietnam bereits heute der drittwichtigste Handelspartner der Schweiz in der ASEAN-Region – und der Bundesrat führt das Land in seiner Südostasien-Strategie als prioritäres Partnerland.

Das Freihandels-Puzzle: EU zuerst, Schweiz jetzt nach

Lange hatten Schweizer Firmen in Vietnam ein strukturelles Problem: Die Konkurrenz war zollrechtlich besser gestellt. Das Freihandelsabkommen zwischen der EU und Vietnam (EVFTA), seit Mitte 2020 in Kraft, gilt als eines der ambitioniertesten Abkommen, die Brüssel je mit einer Schwellenökonomie geschlossen hat. Es baut Zölle über mehrjährige Übergangsfristen fast vollständig ab und öffnet Dienstleistungs- und Beschaffungsmärkte. Auch Grossbritannien verfügt über ein eigenes Abkommen.

Die indirekte Wirkung auf die Schweiz war doppelter Natur. Positiv: Das EVFTA hat Vietnams Attraktivität als Exportplattform nach Europa erhöht, wovon Schweizer Firmen mit Fertigung vor Ort profitierten. Negativ: Beim Verkauf nach Vietnam zahlten Schweizer Exporteure Zölle, die europäische Wettbewerber nicht mehr zahlten – ein Nachteil, der bei Maschinen und Präzisionsgütern direkt auf die Marge drückt.

Dieser Nachteil fällt nun weg. Am 2. Juli 2026 haben die EFTA-Staaten – Schweiz, Norwegen, Island und Liechtenstein – und Vietnam den Abschluss eines umfassenden Freihandelsabkommens bekanntgegeben. Vorausgegangen war eine Ministerkonferenz in Reykjavík, an der für die Schweiz Bundespräsident Guy Parmelin teilnahm. Die im September 2025 neu lancierten Verhandlungen kamen in fünf Runden zum Ziel – nach über einem Jahrzehnt zäher Gespräche.

Das Abkommen deckt Warenhandel, Dienstleistungen, Ursprungsregeln, Investitionen, geistiges Eigentum, öffentliches Beschaffungswesen sowie Handel und nachhaltige Entwicklung ab. Die EFTA-Staaten verpflichten sich, Zölle auf Industrieprodukte sowie Fisch und Meereserzeugnisse abzubauen; auf vietnamesischer Seite fallen Zölle über Übergangsfristen. Ausdrücklich adressiert werden auch KMU – über besseren Informationszugang und Kooperation. Der Handel zwischen EFTA und Vietnam belief sich 2025 auf 4,8 Milliarden Euro, mit einem vietnamesischen Überschuss von 2,5 Milliarden.

Wichtig für die Praxis: Der Verhandlungsabschluss ist nicht das Inkrafttreten. Es folgen Rechtsprüfung, Unterzeichnung und Ratifizierung. Unternehmen sollten die Ursprungsregeln des Abkommens früh prüfen – gerade weil in vietnamesischen Produkten oft substanzielle chinesische Vorleistungen stecken.

Vietnam als Tor zu ASEAN

Der eigentliche strategische Wert Vietnams liegt in seiner Abkommensdichte. Das Land ist Mitglied von CPTPP und RCEP, hat Abkommen mit der EU, Grossbritannien, Korea, Japan – und nun mit der EFTA. Für Vietnam ist die EFTA-Vereinbarung ein weiteres Puzzlestück; für die EFTA ist Vietnam das sechste ASEAN-Land nach Singapur, den Philippinen, Indonesien, Thailand und Malaysia.

Für ein Schweizer Unternehmen heisst das: Ein Werk oder eine Vertriebsgesellschaft in Vietnam ist nicht nur Zugang zu 100 Millionen Konsumentinnen und Konsumenten mit steigendem Einkommen, sondern potenziell die Basis für den gesamten ASEAN-Raum mit über 670 Millionen Menschen – bei tiefen intraregionalen Zöllen und wachsender Infrastrukturvernetzung.

Die Risiken, die man nicht ausblenden sollte

Der Boom hat Schattenseiten, und sie sind konkret:

  • Zollpolitische Volatilität. Die US-Handelspolitik gegenüber Vietnam war 2025/26 in permanenter Bewegung – von angedrohten 46 Prozent über einen ausgehandelten Kompromiss bis zu Gerichtsentscheiden, die einzelne Zollgrundlagen kippten. Wer für den US-Markt in Vietnam produziert, kalkuliert auf schwankendem Boden.
  • Ursprungsregeln und Umgehungsvorwürfe. US-Behörden prüfen intensiv, ob Waren nur durch Vietnam geschleust werden, um China-Zölle zu vermeiden. Blosse Montage genügt nicht für vietnamesischen Ursprung. Sorgfältige Dokumentation ist Pflicht, nicht Kür.
  • Fachkräfte. Die ambitionierten Halbleiter- und Hightech-Pläne stossen an die Grenzen des Bildungssystems. Qualifiziertes Personal ist der Engpass Nummer eins.
  • Energie und Infrastruktur. Rückwirkende Anpassungen bei Einspeisetarifen haben Investoren im Erneuerbaren-Bereich verunsichert; Netzausbau und Versorgungssicherheit bleiben Baustellen.
  • Steigende Kosten. Löhne und Grundstückspreise in den etablierten Industriezonen ziehen an. Der reine Kostenvorteil erodiert – wer nur wegen des Preises kommt, kommt zu spät.

Fazit

Vietnam ist für Schweizer Unternehmen nicht mehr die günstige Alternative zu China, sondern ein eigenständiger Standort mit eigener Logik: Absatzmarkt, Zulieferbasis, Exportplattform und ASEAN-Brückenkopf zugleich. Mit dem EFTA-Abkommen fällt der letzte grosse strukturelle Nachteil gegenüber europäischen Wettbewerbern weg.

Der Zeitpunkt ist günstig – aber der Vorsprung ist nicht garantiert. Wer jetzt einsteigt, sollte weniger auf Lohnkosten schauen als auf Lieferkettentransparenz, Ursprungsnachweise und lokale Personalentwicklung. Das sind die Faktoren, die in den nächsten fünf Jahren über Erfolg oder Enttäuschung entscheiden.


Primärquellen

Freihandelsabkommen EFTA–Vietnam

Schweizer Behörden und Wirtschaftsverbände

Unternehmen

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Von Redaktion

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