Strom, Video, Audio, Netzwerk – alles über ein einziges Kabel. Der neue GPMI-Standard aus China setzt technisch neue Massstäbe und öffnet gleichzeitig ein Fenster für Hersteller, Integratoren und Infrastruktur-Unternehmen, die früh dabei sind.
Neue Übertragungsstandards kommen und gehen. Die meisten interessieren nur Ingenieure. GPMI – das «General Purpose Media Interface», entwickelt von einem Konsortium aus über 50 chinesischen Unternehmen rund um Huawei, TCL und Hisense – könnte eine Ausnahme sein. Nicht weil es HDMI schlägt, sondern weil es das Kabelprinzip grundlegend neu denkt.
Was GPMI technisch leistet
Der Standard gibt es in zwei Varianten. Die Type-B-Version mit flachem Stecker überträgt bis zu 192 Gigabit pro Sekunde und liefert gleichzeitig bis zu 480 Watt – genug Leistung, um einen grossen Fernseher ohne separates Netzkabel zu betreiben. Die kleinere USB-C-Variante kommt auf 96 Gbps und 240 Watt.
Zum Vergleich: HDMI 2.1 schafft 48 Gbps. DisplayPort 2.1 kommt auf 80 Gbps. Thunderbolt 5 erreicht mit Boost-Modus 120 Gbps.
Ein GPMI-Kabel ersetzt damit Stromversorgung, Videosignal, Audio und Netzwerkverbindung gleichzeitig. Das ist keine inkrementelle Verbesserung – es ist eine andere Architektur.
Die Chance für Kabelhersteller
Genau hier beginnt es für Unternehmen wie Reichle & De-Massari, Huber+Suhner oder Belden interessant zu werden. Ein neuer Standard mit anderen physikalischen Anforderungen bedeutet: neue Kabel, neue Stecker, neue Zertifizierungen – und eine Nachfrage, die von null aufgebaut wird.
480 Watt über ein Kabel zu übertragen ist keine triviale Aufgabe. Die Anforderungen an Isolierung, Leiterquerschnitt, Wärmemanagement und Steckverbinder-Toleranz sind deutlich höher als bei klassischen AV-Kabeln. Wer hier früh Expertise aufbaut, sichert sich einen Vorsprung in einem Markt, der mit dem Rollout in China zunächst gross – und bei globaler Adoption sehr gross – werden kann.
Dasselbe gilt für die USB-C-Variante. Sie ist vollständig USB-kompatibel und bereits USB-zertifiziert. Für Hersteller, die ohnehin in der USB- und Thunderbolt-Welt zuhause sind, ist das ein natürlicher Anknüpfungspunkt.
Neue Szenarien für Systemintegratoren
GPMI verändert nicht nur das Kabel, sondern das Setup. Ein Fernseher, der Strom, Bild und Netzwerk über einen einzigen Anschluss bekommt, vereinfacht die Installation erheblich – und schafft neue Möglichkeiten für Systemintegratoren in Bereichen wie Digital Signage, Konferenzräume, Hotel-Infrastruktur oder Retail.
Statt drei oder vier Verbindungen pro Gerät reicht eine. Das reduziert Fehlerquellen, vereinfacht Wartung und senkt die Installationskosten. Für Anbieter von AV-over-IP-Lösungen oder Managed Displays öffnen sich damit neue Argumentationsketten gegenüber ihren Kunden.
Wann kommt GPMI nach Europa?
In China beginnt der Rollout 2025. Ob und wann der Standard nach Europa kommt, ist noch offen – und hängt weniger von der Technologie ab als vom Ökosystem. HDMI steckt in Milliarden Geräten weltweit, und Standards wechseln langsam.
Realistischer Einstiegspunkt für den globalen Markt ist die USB-C-Variante. Im Computing-Bereich steigt der Bandbreitenbedarf schneller als im TV-Segment, und USB-C ist bereits universell verbreitet. Wer GPMI Type-C unterstützt, muss nichts neu erfinden – er erweitert bestehende Infrastruktur.
Für Unternehmen, die in Kabel- und Verbindungstechnologie investieren oder selbst produzieren, lohnt es sich, GPMI jetzt auf dem Radar zu haben. Die grossen Volumen kommen später. Die Weichen werden früher gestellt.
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