Der Swiss Cyber AI CxO Club lädt Schweizer Führungskräfte in einen geschlossenen Executive-Zirkel. Das Modell wird gerade zum Trend – und lohnt für Gründerinnen und Gründer einen zweiten Blick.
Wer in den letzten Monaten in der Schweizer Security- und KI-Szene unterwegs war, ist der Einladung vermutlich schon begegnet: «Join the Swiss Cyber AI CxO Club». Ein kuratierter Kreis für CISOs, CIOs, CTOs, CEOs, Risk-Verantwortliche und Datenschutzbeauftragte. Versprochen werden warme Einführungen statt Visitenkarten-Roulette, private Roundtables statt Small Talk am Apéro und «professionelle Sichtbarkeit» im Umfeld der Konferenz.
Das klingt gut. Es ist auch nichts Verwerfliches daran. Aber es ist ein Geschäftsmodell – und es lohnt sich zu verstehen, welches.
Was dahintersteht
Der CxO Club ist eine Ausgründung rund um die Swiss Cyber AI Conference, die im April 2026 im Palazzo dei Congressi in Lugano stattfand und für Mai 2027 bereits eine Neuauflage angekündigt hat. Die Konferenz selbst ist real und ordentlich besetzt: Swisscom Broadcast und Akamai bestritten gemeinsam eine Session mit Live-Demo zum Schutz von KI-Modellen, auf der Sprecherliste standen unter anderem Vertreter von Google Cloud, Kudelski Security, dem Information Security Forum sowie die CISOs von Forbo und der SV Group. Als Partner sind neben Anbietern wie SentinelOne, Cloudflare, Veeam und Pentera auch die Tessiner Fachhochschule SUPSI gelistet.
Veranstalterin ist die web-set interactive GmbH mit Sitz in Baar (ZG) – eine kleine, seit 2001 im Handelsregister eingetragene Firma. Der Ticketverkauf lief über Eventfrog, mit Standardpreisen ab rund 150 Franken und VIP-Tickets bei 1’250 Franken.
Kurz: Das ist kein Fake-Event. Es ist eine kommerziell betriebene Konferenz einer kleinen Agentur, die es geschafft hat, namhafte Sponsoren und respektable Sprecher auf eine Bühne im Tessin zu holen. Das ist eine Leistung.
Der Club als zweite Monetarisierungsschicht
Interessant wird es beim Club selbst. Eine Konferenz verdient einmal im Jahr – an Tickets und Sponsoring. Ein Executive-Club dagegen verwandelt das einmalige Event in eine ganzjährige Beziehung: eine qualifizierte Datenbank von Entscheiderinnen und Entscheidern mit Funktion, Firma, Themeninteresse und Kontaktfreigabe.
Genau das passiert beim Registrierungsformular. Abgefragt werden Name, Funktion, Firma, Geschäfts-E-Mail, Rolle, relevante Themen – plus ein selbst gewähltes Passwort für den «geschützten Bereich». Zwei Checkboxen: eine für die Datenverarbeitung, eine optionale für Kontaktaufnahme zu «CxO Visibility Opportunities», inklusive möglicher LinkedIn-Spotlights.
Das ist sauber gebaute Lead-Generierung. Die Formulierungen auf der Seite – kein Spam, kein Massen-Export von Leads, kein unkontrollierter Datenaustausch – sind dabei Marketing-Zusagen, keine vertraglichen Garantien. Wer sich registriert, sollte die Datenschutzerklärung tatsächlich lesen, nicht nur die Checkbox anklicken.
Drei Dinge, die auffallen
Erstens: die Zahlen schwanken. Die Club-Seite spricht von «400+ Teilnehmenden», der Event-Rückblick von über 500, ein Event-Portal führte 600 erwartete Besucher. Bei den Ticketpreisen findet man je nach Quelle 99, 150 oder 152.90 Franken. Solche Abweichungen sind bei Event-Marketing nicht ungewöhnlich, aber sie relativieren den Superlativ, den der Rückblick setzt: die «grösste KI-Konferenz der Schweiz». Bei rund 500 Teilnehmenden ist das eine sportliche Formulierung – die Applied Machine Learning Days in Lausanne oder die Swiss Cyber Security Days in Bern bewegen sich in anderen Grössenordnungen.
Zweitens: die Berichterstattung kommt aus dem eigenen Ökosystem. Wer nach Presse zur Konferenz sucht, landet überwiegend auf einem Portal, das gleichzeitig als Partner auf der Sponsorenleiste steht. Das ist PR, nicht unabhängige Einordnung – und es erklärt, warum die Aussendarstellung so geschlossen positiv wirkt.
Drittens: die Rollen überschneiden sich. Der Geschäftsführer der veranstaltenden web-set interactive GmbH taucht auf der Sprecherliste der eigenen Konferenz in seiner Rolle als Corporate CISO eines Industrieunternehmens auf. In kleinen Event-Ökosystemen ist personelle Doppelrolle der Normalfall, nicht die Ausnahme. Transparent kommuniziert wäre sie trotzdem besser.
Nichts davon ist ein Skandal. Zusammen ergibt es aber ein realistischeres Bild als die Landingpage: ein solides, ambitioniertes Regionalevent mit gutem Sponsorennetzwerk – kein unabhängiges Gremium mit eigener Governance.
Was heisst das für Startups?
Für junge Security- und KI-Unternehmen ist die Rechnung eigentlich simpel, und sie hat wenig mit Seriosität zu tun und viel mit Zielgruppe.
Ein Raum mit 400 bis 500 Personen, in dem ein relevanter Anteil tatsächlich Budgetverantwortung für Security-Themen trägt, ist für ein B2B-Startup ein brauchbarer Kanal – vermutlich brauchbarer als eine grosse internationale Messe, in der man zwischen 800 Ständen verschwindet. Die Deutschschweizer Szene ist zudem in Lugano nicht vollständig vertreten; wer das Tessin und Norditalien als Markt sieht, findet hier eine ungewöhnlich dichte Gelegenheit.
Was man dagegen nicht erwarten sollte: dass die blosse Club-Mitgliedschaft Deals produziert. «Kuratierte Einführungen» sind so gut wie die Person, die kuratiert – und das lässt sich vorher schlecht prüfen.
Eine kurze Checkliste, bevor man beitritt oder sponsert:
- Wer genau macht die Introductions, und nach welchen Kriterien?
- Wie viele Roundtables haben im letzten Jahr tatsächlich stattgefunden, mit wie vielen Teilnehmenden?
- Ist Sichtbarkeit an ein Sponsoring gekoppelt oder an fachliche Auswahl?
- Was passiert mit den Daten nach einer Absage der Bewerbung?
- Lässt sich mit zwei, drei früheren Teilnehmenden sprechen, die nicht Sponsor waren?
Wer auf alle fünf Fragen eine konkrete Antwort bekommt, hat es mit einem ernsthaften Netzwerk zu tun. Wer nur Marketingsprache zurückbekommt, hat es mit einem Verteiler zu tun.
Der grössere Trend
Der Swiss Cyber AI CxO Club ist kein Einzelfall, sondern ein Beispiel für ein Muster, das derzeit rasch zunimmt: Konferenzen bauen sich exklusive Executive-Layer, weil Ticketverkauf allein kein tragfähiges Geschäftsmodell mehr ist. Die Währung ist nicht mehr der Eintritt, sondern der Zugang – und Zugang lässt sich beliebig oft verkaufen, an Mitglieder wie an Sponsoren.
Für Gründerinnen und Gründer ist das weder gut noch schlecht. Es ist einfach ein Markt, in dem man wissen sollte, ob man gerade Kunde ist oder Produkt. Bei den meisten dieser Clubs ist man beides.
Offenlegung: Für diesen Beitrag wurden öffentlich zugängliche Quellen ausgewertet – die Websites von Swiss Cyber AI, Handelsregisterdaten, Ticketplattformen und Partnerankündigungen. Bewertungen sind Einschätzungen der Redaktion.
